Das ille­gal auf You­Tube hoch­ge­la­de­ne Video – und die Auskunftspflicht

Betrei­ber einer Video­platt­form sind nicht ver­pflich­tet, die E‑Mail-Adres­sen, Tele­fon­num­mern oder IP-Adres­sen ihrer Nut­zer her­aus­zu­ge­ben, auch wenn die­se urhe­ber­recht­lich geschütz­te Inhal­te wider­recht­lich auf die Platt­form hoch­ge­la­den haben. Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof und setz­te damit ein im Som­mer ergan­ge­nes Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on [1] um.

Das ille­gal auf You­Tube hoch­ge­la­de­ne Video – und die Auskunftspflicht

In dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te eine Film­ver­wer­tungs­ge­sell­schaft die die You­tube-Betrei­be­rin und deren Mut­ter­ge­sell­schaft auf Aus­kunft über bestimm­te Nut­zer in Anspruch genom­men. Beim Hoch­la­den von Vide­os auf „You­Tube“ müs­sen sich Benut­zer regis­trie­ren und dabei zwin­gend ihren Namen, eine E‑Mail-Adres­se und ein Geburts­da­tum ange­ben. Für die Ver­öf­fent­li­chung eines Vide­os von mehr als 15 Minu­ten Län­ge muss außer­dem eine Tele­fon­num­mer ange­ge­ben wer­den. Fer­ner müs­sen die Nut­zer in die Spei­che­rung von IP-Adres­sen ein­wil­li­gen. Die Klä­ge­rin macht exklu­si­ve Nut­zungs­rech­te an den Film­wer­ken „Par­ker“ und „Sca­ry Movie 5“ gel­tend. Die­se Fil­me wur­den in den Jah­ren 2013 und 2014 von drei ver­schie­de­nen Nut­zern auf „You­Tube“ hoch­ge­la­den. Die Klä­ge­rin hat Youtube/​Goog­le auf Aus­kunfts­er­tei­lung in Anspruch genom­men. In der Revi­si­ons­in­stanz strei­ten die Par­tei­en noch dar­über, ob die Klä­ge­rin Ansprü­che auf Aus­kunft über die E‑Mail-Adres­sen, die Tele­fon­num­mern und die­je­ni­gen IP-Adres­sen hat, die für das Hoch­la­den der bei­den Fil­me und für den letz­ten Zugriff auf die Kon­ten der Benut­zer genutzt wurden. 

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die Kla­ge der Film­ver­wer­te­rin abge­wie­sen [2] . Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der Film­ver­wer­tungs­ge­sell­schaft hat­te vor dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main teil­wei­se Erfolg [3] . Das OLG hat Youtube/​Google zur Aus­kunft über die E‑Mail-Adres­sen der Benut­zer ver­ur­teilt, die die Fil­me hoch­ge­la­den haben, und die Kla­ge im Übri­gen abge­wie­sen. Mit der vom OLG Frank­furt zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt die Klä­ge­rin ihre Kla­ge­an­trä­ge und Youtube/​Google ihren Antrag auf voll­stän­di­ge Kla­ge­ab­wei­sung weiter.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zunächst das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2004/​48/​EG zur Durch­set­zung der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums vor­ge­legt [4] . Der Bun­des­ge­richts­hof woll­te im Wesent­li­chen wis­sen, ob sich die in Art. 8 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/​48/​EG gere­gel­te Aus­kunfts­pflicht von Per­so­nen, die – wie im Streit­fall Youtube/​Google – in gewerb­li­chem Aus­maß für rechts­ver­let­zen­de Tätig­kei­ten genutz­te Dienst­leis­tun­gen erbracht haben, auch auf die E‑Mail-Adres­sen, Tele­fon­num­mern und IP-Adres­sen der Nut­zer der Dienst­leis­tun­gen erstreckt. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die­se Fra­gen ver­neint [1] . Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Vor­ab­ent­schei­dung nun umge­setzt, der Revi­si­on von Youtube/​Google statt­ge­ge­ben und die Revi­si­on der Film­ver­wer­tungs­ge­sell­schaft zurückgewiesen:

Der Aus­kunfts­an­spruch über „Namen und Anschrift“ im Sin­ne des § 101 Abs. 3 Nr. 1 UrhG schließt die Aus­kunft über E‑Mail-Adres­sen und Tele­fon­num­mern der Nut­zer der Dienst­leis­tun­gen nicht ein. Er umfasst auch nicht die Aus­kunft über die für das Hoch­la­den rechts­ver­let­zen­der Datei­en ver­wen­de­ten IP-Adres­sen oder die von den Nut­zern der Dienst­leis­tun­gen zuletzt für einen Zugriff auf ihr Benut­zer­kon­to ver­wen­de­ten IP-Adressen.

Der Begriff „Anschrift“ im Sin­ne von § 101 Abs. 3 Nr. 1 UrhG deckt sich mit dem Begriff „Adres­sen“ in Art. 8 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/​48/​EG. Die­se Richt­li­ni­en­vor­schrift ist nach dem auf die Vor­la­ge­ent­schei­dung des Senats ergan­ge­nen Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on dahin aus­zu­le­gen, dass der dar­in genann­te Begriff „Adres­sen“ sich, was einen Nut­zer anbe­langt, der durch das Hoch­la­den von Datei­en ein Recht des geis­ti­gen Eigen­tums ver­letzt hat, nicht auf die E‑Mail-Adres­se und Tele­fon­num­mer die­ses Nut­zers sowie die für das Hoch­la­den die­ser Datei­en genutz­ten IP-Adres­se oder die bei sei­nem letz­ten Zugriff auf das Benut­zer­kon­to ver­wen­de­te IP-Adres­se bezieht. Es gibt kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass der Gesetz­ge­ber bei der Aus­ge­stal­tung des Umfangs der Aus­kunft in § 101 Abs. 3 Nr. 1 UrhG über die Rege­lung in Art. 8 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/​48/​EG hin­aus­ge­hen woll­te. Danach ist eine wei­te­re (dyna­mi­sche) Geset­zes­aus­le­gung durch den Senat eben­so aus­ge­schlos­sen wie eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 101 Abs. 3 Nr. 1 UrhG. Ein über die Aus­kunft von „Namen und Anschrift“ im Sin­ne von § 101 Abs. 3 Nr. 1 UrhG hin­aus­ge­hen­der Aus­kunfts­an­spruch ergibt sich auch nicht aus dem all­ge­mei­nen Aus­kunfts­an­spruch nach § 242 BGB.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Dezem­ber 2020 – I ZR 153/​17

  1. EuGH, Urteil vom 09.07.2020 – C‑264/​19[ ][ ]
  2. LG Frank­furt a.M., Urteil vom 03.05.2016 – 2–03 O 476/​13[ ]
  3. OLG Frank­furt a.M., Urteil vom 22.08.2017 – 11 U 71/​16[ ]
  4. BGH, Beschluss vom 21. Febru­ar 2019 – I ZR 153/​17[ ]