Der Sedl­mayr-Mord und der Köl­ner Stadt­an­zei­ger

Wenn sich ein Mün­che­ner mit einem Köl­ner Zei­tungs­ver­lag vor dem Ham­bur­ger Land­ge­richt und Ober­lan­des­ge­richt strei­tet, muss es wie­der ein­mal der Bun­des­ge­richts­hof rich­ten. Und so hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof nun erneut mit der Fra­ge der Zuläs­sig­keit des Bereit­hal­tens von Kurz­mel­dun­gen zum Abruf im Inter­net, in denen ein ver­ur­teil­ter Straf­tä­ter nament­lich genannt wird und durch die auf im “Archiv” ent­hal­te­ne und nur Nut­zern mit beson­de­rer Zugangs­be­rech­ti­gung zugäng­li­che Bei­trä­ge auf­merk­sam gemacht wird. Anlass war wie­der ein­mal der Sedl­mayr-Mord. Dies­mal wand­te sich einer der sei­ner­zeit wegen des Mor­des ver­ur­teil­ten Brü­der gegen die Online-Aus­ga­be des Köl­ner Stadt­an­zei­gers:

Der Sedl­mayr-Mord und der Köl­ner Stadt­an­zei­ger

Der Klä­ger des jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­rens wur­de im Jahr 1993 zusam­men mit sei­nem Bru­der wegen Mor­des an dem bekann­ten Schau­spie­ler Wal­ter Sedl­mayr zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Die Tat hat­te erheb­li­ches Auf­se­hen erregt. Der Klä­ger stell­te mehr­fach, zuletzt im Jahr 2004, Anträ­ge auf Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens, vor deren Ver­wer­fung er sich an die Pres­se wand­te. Im Janu­ar 2008 wur­de der Klä­ger auf Bewäh­rung aus der Straf­haft ent­las­sen.

Die Beklag­te betreibt das Inter­net­por­tal ksta.de. Dort hielt sie auf den für Alt­mel­dun­gen vor­ge­se­he­nen Sei­ten jeden­falls bis Juli 2008 eine auf den 12. April 2005 datier­te Mel­dung mit dem Titel “Sedl­mayr-Mord: Gericht prüft Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens” zum frei­en Abruf durch die Öffent­lich­keit bereit. Dar­in heißt es unter vol­ler Namens­nen­nung der Betrof­fe­nen u.a.: “Rund 15 Jah­re nach der Ermor­dung des Schau­spie­lers Wal­ter Sedl­mayr ver­dich­ten sich Hin­wei­se auf neue Spu­ren in dem Fall. Wie die “Süd­deut­sche Zei­tung” … berich­tet, will die Straf­kam­mer am Land­ge­richt Augs­burg in den nächs­ten Tagen ent­schei­den, ob das Ver­fah­ren gegen die ver­ur­teil­ten Mör­der W. und L. noch ein­mal auf­ge­rollt wird … L. hat­te im Juli 2004 zum drit­ten Mal einen Antrag auf Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens gestellt, inzwi­schen hat auch W. die Neu­ver­hand­lung bean­tragt. L. und sein Halb­bru­der W. waren im Mai 1993 wegen Mor­des an Sedl­mayr zu lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den.”

Der Klä­ger sieht in dem Bereit­hal­ten der sei­nen Namen ent­hal­ten­den Mel­dung zum Abruf im Inter­net eine Ver­let­zung sei­nes all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts. Mit der Kla­ge ver­langt er von der Beklag­ten, es zu unter­las­sen, über ihn im Zusam­men­hang mit der Tat unter vol­ler Namens­nen­nung zu berich­ten. Die Kla­ge hat­te in bei­den Ham­bur­ger Vor­in­stan­zen – vor dem Land­ge­richt Ham­burg und dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg – Erfolg.

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat dem Klä­ger gegen die Beklag­te einen Unter­las­sungs­an­spruch aus § 823 Abs. 1, § 1004 Abs. 1 BGB ana­log i.V.m. Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 GG zuge­bil­ligt, weil die Ver­brei­tung der den Klä­ger iden­ti­fi­zie­ren­den Mel­dung die­sen in sei­nem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht ver­let­ze. Der Klä­ger sei im Janu­ar 2008, als die Beklag­te die Mel­dung noch ver­brei­tet habe, unter Aus­set­zung des Straf­res­tes zur Bewäh­rung aus der Straf­haft ent­las­sen wor­den, wes­halb eine Kon­stel­la­ti­on gege­ben gewe­sen sei, wie sie der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 5. Juni 1973 zugrun­de gele­gen habe. Das im Hin­blick auf sei­ne Wie­der­ein­glie­de­rung in die Gesell­schaft beson­ders schutz­wür­di­ge Inter­es­se des Klä­gers, nicht wei­ter­hin öffent­lich mit der Tat kon­fron­tiert zu wer­den, über­wie­ge das Inter­es­se der Beklag­ten an der wei­te­ren Ver­brei­tung der Mel­dung umso mehr, als die Ein­schrän­kun­gen, die dem Ver­brei­ter sol­cher Mel­dun­gen auf­er­legt wür­den, denk­bar gering sei­en. Die­sem wer­de näm­lich nicht die Bericht­erstat­tung über die Tat, son­dern nur die Nen­nung der Namen der Täter unter­sagt. Der Umstand, dass – wie auch im Streit­fall – Mel­dun­gen im Inter­net häu­fig dau­er­haft abruf­bar gehal­ten wür­den und als älte­re Mel­dun­gen erkenn­bar sei­en, recht­fer­ti­ge kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Es mache kei­nen Unter­schied, ob die Iden­ti­tät des Betrof­fe­nen in einer neu­en oder in einer älte­ren Mel­dung preis­ge­ge­ben wer­de. Es kom­me auch nicht dar­auf an, ob die bean­stan­de­te Mel­dung mit­tels Such­ma­schi­nen oder Quer­ver­wei­sen über ein auf die Tat bezo­ge­nes Schlag­wort oder über den Namen des Täters auf­find­bar sei. Auch der Umstand, dass über das Inter­net ver­brei­te­ten Mel­dun­gen in der Regel noch ein gerin­ge­rer Ver­brei­tungs­grad zukom­me als Mel­dun­gen, die über die Tages­pres­se, Rund­funk oder Fern­se­hen ver­brei­tet wür­den, las­se nicht die Anle­gung ande­rer als der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Mas­sen­me­di­en ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be zu.

Die Beklag­te sei hin­sicht­lich der Rechts­be­ein­träch­ti­gung auch Stö­rer. Ihre Stör­er­ei­gen­schaft kön­ne ins­be­son­de­re nicht im Hin­blick dar­auf ver­neint wer-den, dass es sich bei dem Teil des Inter­net­auf­tritts, in dem die bean­stan­de­te Mel­dung zum Abruf bereit­ge­hal­ten wor­den sei, um ein pri­vi­le­gier­tes Inter­net­ar­chiv hand­le. Denn eine über das Inter­net all­ge­mein zugäng­li­che, in die Rubrik “Archiv” ein­ge­stell­te Äuße­rung wer­de eben­so ver­brei­tet wie jede ande­re Äuße­rung auch. Der Rubrik, in der die bean­stan­de­te Mel­dung zum Abruf bereit­gehal-ten wer­de, kom­me auch unter dem Gesichts­punkt der Zumut­bar­keit einer Kon­trol­le über den eige­nen Inter­net­auf­tritt kei­ne Bedeu­tung zu. Fer­ner sei uner­heb-lich, ob bereits die erst­ma­li­ge Ver­öf­fent­li­chung der bean­stan­de­ten Inhal­te rechts­wid­rig oder ob die Ver­brei­tung der Mel­dung ursprüng­lich recht­mä­ßig gewe­sen sei.

Gegen die­ses Beru­fungs­ur­teil wand­te sich der Köl­ner Ver­lag mit der vom Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg zuge­las­se­nen Revi­si­on und hat­te jetzt vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg, die Erwä­gun­gen der Ham­bur­ger Gerich­te hiel­ten der revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung durch den Bun­des­ge­richts­hof nicht stand.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­nein­te einen Unter­las­sungs­an­spruch des Klä­gers gegen die beklag­te Ver­le­ge­rin gemäß § 823 Abs. 1, § 1004 Abs. 1 Satz 2 BGB ana­log i.V.m. Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 GG. Zwar hat das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg mit Recht ange­nom­men, dass das Bereit­hal­ten der den Klä­ger nament­lich als wegen Mor­des Ver­ur­teil­ten bezeich­nen­den Mel­dung zum Abruf im Inter­net einen Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers dar­stellt. Denn die Bericht­erstat­tung über eine Straf­tat unter Nen­nung des Namens des Straf­tä­ters beein­träch­tigt zwangs­läu­fig des­sen Recht auf Schutz sei­ner Per­sön­lich­keit und Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens, weil sie sein Fehl­ver­hal­ten öffent­lich bekannt macht und sei­ne Per­son in den Augen der Adres­sa­ten von vorn­her­ein nega­tiv qua­li­fi­ziert. Dies gilt nicht nur bei akti­ver Infor­ma­ti­ons­über­mitt­lung durch die Medi­en, wie es im Rah­men der her­kömm­li­chen Bericht­erstat­tung in Tages­pres­se, Rund­funk oder Fern­se­hen geschieht, son­dern auch dann, wenn – wie im Streit­fall – den Täter iden­ti­fi­zie­ren­de Inhal­te ledig­lich auf einer pas­si­ven Dar­stel­lungs­platt­form im Inter­net zum Abruf bereit­ge­hal­ten wer­den. Die­se Inhal­te sind näm­lich grund­sätz­lich jedem inter­es­sier­ten Inter­net­nut­zer zugäng­lich.

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend hat es das Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg auch für gebo­ten erach­tet, über den Unter­las­sungs­an­trag auf­grund einer Abwä­gung des Rechts des Klä­gers auf Schutz sei­ner Per­sön­lich­keit und Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens aus Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 GG, Art. 8 Abs. 1 EMRK mit dem in Art. 5 Abs. 1 GG, Art. 10 EMRK ver­an­ker­ten Recht der Beklag­ten auf Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit zu ent­schei­den. Denn wegen der Eigen­art des Per­sön­lich­keits­rechts als eines Rah­men­rechts liegt sei­ne Reich­wei­te nicht abso­lut fest, son­dern muss erst durch eine Abwä­gung der wider­strei­ten­den grund­recht­lich geschütz­ten Belan­ge bestimmt wer­den, bei der die beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­fal­les sowie die betrof­fe­nen Grund­rech­te und Gewähr­leis­tun­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on inter­pre­ta­ti­ons­lei­tend zu berück­sich­ti­gen sind. Der Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht ist nur dann rechts­wid­rig, wenn das Schutz­in­ter­es­se des Betrof­fe­nen die schutz­wür­di­gen Belan­ge der ande­ren Sei­te über­wiegt.

Rechts­feh­ler­haft hat das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg jedoch ange­nom­men, dass das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht des Klä­gers durch das Bereit­hal­ten der bean­stan­de­ten Inhal­te zum Abruf im Inter­net in rechts­wid­ri­ger Wei­se ver­letzt wor­den sei. Das Beru­fungs­ge­richt hat die beson­de­ren Umstän­de des Streit­fal­les nicht aus­rei­chend berück­sich­tigt und das von der Beklag­ten ver­folg­te Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und ihr Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung mit einem zu gerin­gen Gewicht in die Abwä­gung ein­ge­stellt.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind ver­schie­de­ne Kri­te­ri­en ent­wi­ckelt wor­den, die Leit­li­ni­en für den kon­kre­ten Abwä­gungs­vor­gang vor­ge­ben. Danach müs­sen wah­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen in der Regel hin­ge­nom­men wer­den, auch wenn sie nach­tei­lig für den Betrof­fe­nen sind, unwah­re dage­gen nicht. Aller­dings kann auch eine wah­re Dar­stel­lung das Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen ver­let­zen, wenn sie einen Per­sön­lich­keits­scha­den anzu­rich­ten droht, der außer Ver­hält­nis zu dem Inter­es­se an der Ver­brei­tung der Wahr­heit steht. Dies kann ins­be­son­de­re dann der Fall sein, wenn die Aus­sa­gen geeig­net sind, eine erheb­li­che Brei­ten­wir­kung zu ent­fal­ten und eine beson­de­re Stig­ma­ti­sie­rung des Betrof­fe­nen nach sich zu zie­hen, so dass sie zum Anknüp­fungs­punkt für eine sozia­le Aus­gren­zung und Iso­lie­rung zu wer­den dro­hen.

Geht es um eine Bericht­erstat­tung über eine Straf­tat, so ist zu berück­sich­ti­gen, dass eine sol­che Tat zum Zeit­ge­sche­hen gehört, des­sen Ver­mitt­lung Auf­ga­be der Medi­en ist. Die Ver­let­zung der Rechts­ord­nung und die Beein­träch­ti­gung indi­vi­du­el­ler Rechts­gü­ter, die Sym­pa­thie mit den Opfern, die Furcht vor Wie­der­ho­lun­gen sol­cher Straf­ta­ten und das Bestre­ben, dem vor­zu­beu­gen, begrün­den grund­sätz­lich ein anzu­er­ken­nen­des Inter­es­se der Öffent­lich­keit an nähe­rer Infor­ma­ti­on über Tat und Täter. Die­ses wird umso stär­ker sein, je mehr sich die Tat in Bege­hungs­wei­se und Schwe­re von der gewöhn­li­chen Kri­mi­na­li­tät abhebt. Bei schwe­ren Gewalt­ver­bre­chen ist in der Regel ein über blo­ße Neu­gier und Sen­sa­ti­ons­lust hin­aus­ge­hen­des Inter­es­se an nähe­rer Infor­ma­ti­on über die Tat und ihren Her­gang, über die Per­son des Täters und sei­ne Moti­ve sowie ü‑ber die Straf­ver­fol­gung anzu­er­ken­nen.

Bei der Abwä­gung des Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­ses der Öffent­lich­keit an einer Bericht­erstat­tung mit der damit zwangs­läu­fig ver­bun­de­nen Beein­träch­ti­gung des Per­sön­lich­keits­rechts des Täters ver­dient für die aktu­el­le Bericht­erstat­tung über Straf­ta­ten das Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se im All­ge­mei­nen den Vor­rang. Denn wer den Rechts­frie­den bricht und durch die­se Tat und ihre Fol­gen Mit­men­schen angreift oder ver­letzt, muss sich nicht nur den hier­für ver­häng­ten straf­recht­li­chen Sank­tio­nen beu­gen, son­dern er muss auch dul­den, dass das von ihm selbst erreg­te Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit auf den dafür übli­chen Wegen befrie­digt wird.

Mit zeit­li­cher Distanz zur Straf­tat gewinnt dage­gen das Inter­es­se des Täters, von einer Reak­tua­li­sie­rung sei­ner Ver­feh­lung ver­schont zu blei­ben, zuneh­men­de Bedeu­tung. Das Per­sön­lich­keits­recht bie­tet Schutz vor einer zeit­lich unein­ge­schränk­ten Befas­sung der Medi­en mit der Per­son des Straf­tä­ters und sei­ner Pri­vat­sphä­re. Hat die das öffent­li­che Inter­es­se ver­an­las­sen­de Tat mit der Ver­fol­gung und Ver­ur­tei­lung die gebo­te­ne recht­li­che Sank­ti­on erfah­ren und ist die Öffent­lich­keit hier­über hin­rei­chend infor­miert wor­den, las­sen sich wie­der­hol­te Ein­grif­fe in das Per­sön­lich­keits­recht des Täters im Hin­blick auf sein Inter­es­se an der Wie­der­ein­glie­de­rung in die Gemein­schaft nicht ohne wei­te­res recht­fer­ti­gen. Hier­mit ist aller­dings kei­ne voll­stän­di­ge Immu­ni­sie­rung vor der unge­woll­ten Dar­stel­lung per­sön­lich­keits­re­le­van­ter Gescheh­nis­se gemeint. Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ver­mit­telt Straf­tä­tern kei­nen Anspruch dar­auf, in der Öffent­lich­keit über­haupt nicht mehr mit ihrer Tat kon­fron­tiert zu wer­den. Selbst die Ver­bü­ßung der Straf­haft führt nicht dazu, dass ein Täter den unein­ge­schränk­ten Anspruch erwirbt, mit der Tat “allein gelas­sen zu wer­den”. Maß­geb­lich ist viel­mehr stets, in wel­chem Aus­maß das Per­sön­lich­keits­recht ein­schließ­lich des Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­ses des Straf­tä­ters von der Bericht­erstat­tung unter den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­falls beein­träch­tigt wird. Für die Inten­si­tät der Beein­träch­ti­gung des Per­sön­lich­keits­rechts kommt es auch auf die Art und Wei­se der Dar­stel­lung, ins­be­son­de­re auf den Grad der Ver­brei­tung des Medi­ums an. So stellt eine Fern­seh­be­richt­erstat­tung in der Regel einen weit­aus stär­ke­ren Ein­griff in die Pri­vat­sphä­re des Betrof­fe­nen dar als eine Wort­be­richt­erstat­tung.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Inter­es­se des Klä­gers am Schutz sei­ner Per­sön­lich­keit und an der Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens vor­lie­gend hin­ter dem von der Beklag­ten ver­folg­ten Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit und ihrem Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung zurück­zu­tre­ten. Zwar kommt dem Inter­es­se des Klä­gers, von einer Reak­tua­li­sie­rung sei­ner Ver­feh­lung ver­schont zu blei­ben, vor­lie­gend erhöh­tes Gewicht zu. Die von ihm began­ge­ne Straf­tat und die Ver­ur­tei­lung lie­gen lan­ge zurück; der Klä­ger ist im Janu­ar 2008 aus der Straf­haft ent­las­sen wor­den. Ande­rer­seits beein­träch­tigt die bean­stan­de­te Mel­dung sein Per­sön­lich­keits­recht ein­schließ­lich sei­nes Reso­zia­li­sie­rungs­in­ter­es­ses unter den beson­de­ren Umstän­den des Streit­falls nicht in erheb­li­cher Wei­se. Sie ist ins­be­son­de­re nicht geeig­net, den Klä­ger “ewig an den Pran­ger” zu stel­len oder in einer Wei­se “an das Licht der Öffent­lich­keit zu zer­ren”, die ihn als Straf­tä­ter (wie­der) neu stig­ma­ti­sie­ren könn­te.

Die Mel­dung ent­hält wahr­heits­ge­mä­ße Aus­sa­gen über ein Kapi­tal­ver­bre­chen an einem bekann­ten Schau­spie­ler, das erheb­li­ches öffent­li­ches Auf­se­hen erregt hat­te. In ihr wird sach­be­zo­gen und objek­tiv mit­ge­teilt, dass sich in dem Fall neue Erkennt­nis­se erge­ben hät­ten und eine Ent­schei­dung über den Antrag des Klä­gers auf Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens kurz bevor­ste­he. Die den Klä­ger iden­ti­fi­zie­ren­den Anga­ben in der Mel­dung waren ange­sichts der Schwe­re des Ver­bre­chens, der Bekannt­heit des Opfers, des erheb­li­chen Auf­se­hens, das die Tat in der Öffent­lich­keit erregt hat­te, und des Umstands, dass sich die Ver­ur­teil­ten noch im Jahr 2004 unter Inan­spruch­nah­me aller denk­ba­ren Rechts­be­hel­fe um die Auf­he­bung ihrer Ver­ur­tei­lung bemüh­ten, zum Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung unzwei­fel­haft zuläs­sig.

In der Art und Wei­se, wie die Mel­dung zum Abruf bereit­ge­hal­ten wur­de, kam ihr eine nur gerin­ge Brei­ten­wir­kung zu. Der Ver­brei­tungs­grad des kon­kret gewähl­ten Medi­ums war gering; eine Fall­ge­stal­tung, wie sie der Lebach-I-Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zugrun­de lag, ist nicht gege­ben. Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung war eine Fern­seh­do­ku­men­ta­ti­on zur bes­ten Sen­de­zeit, die zu einem inten­si­ven Nach­er­le­ben der Straf­tat unter Beto­nung der emo­tio­na­len Kom­po­nen­te führ­te. Unter den dama­li­gen Fern­seh­be­din­gun­gen war gera­de für eine sol­che Sen­dung mit einer beson­ders hohen Ein­schalt­quo­te zu rech­nen. Hin­ge­gen setz­te eine Kennt­nis­nah­me vom Inhalt der bean­stan­de-ten Mel­dung im Streit­fall eine geziel­te Suche vor­aus. Die Mel­dung wur­de nur auf einer als pas­si­ve Dar­stel­lungs­platt­form geschal­te­ten Web­site ange­bo­ten, die typi­scher­wei­se nur von sol­chen Nut­zern zur Kennt­nis genom­men wird, die sich selbst aktiv infor­mie­ren. Sie war auch nicht auf den aktu­el­len Sei­ten des Inter­net­auf­tritts der Beklag­ten zugäng­lich, wo sie dem Nut­zer unmit­tel­bar nach Auf­ruf der Home­page der Beklag­ten ins Auge hät­te fal­len kön­nen. Viel­mehr war die Mel­dung aus­weis­lich der Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts, auf die das Beru­fungs­ge­richt Bezug genom­men hat, nur auf den für Alt­mel­dun­gen vor­ge­se­he­nen Sei­ten des Inter­net­auf­tritts der Beklag­ten zugäng­lich und aus­drück­lich und für den Nut­zer ohne wei­te­res ersicht­lich als Alt­mel­dung gekenn­zeich­net. Sie war auch nicht in sons­ti­ger Wei­se in einen Kon­text ein­ge­bet­tet, der ihr den Anschein der Aktua­li­tät oder den Cha­rak­ter einer erneu­ten Bericht­erstat­tung ver­lieh und die Annah­me recht­fer­ti­gen wür­de, die Beklag­te habe sich erneut bzw. zeit­lich unein­ge­schränkt mit der Per­son des Straf­tä­ters befasst.

Zuguns­ten der Beklag­ten fällt dar­über hin­aus ins Gewicht, dass ein aner­ken­nens­wer­tes Inter­es­se der Öffent­lich­keit nicht nur an der Infor­ma­ti­on über das aktu­el­le Zeit­ge­sche­hen, son­dern auch an der Mög­lich­keit besteht, ver­gan­ge­ne zeit­ge­schicht­li­che Ereig­nis­se zu recher­chie­ren. Dem­entspre­chend neh­men die Medi­en ihre Auf­ga­be, in Aus­übung der Mei­nungs­frei­heit die Öffent­lich­keit zu infor­mie­ren und an der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung mit­zu­wir­ken, auch dadurch wahr, dass sie nicht mehr aktu­el­le Ver­öf­fent­li­chun­gen für inter­es­sier­te Medi­en­nut­zer ver­füg­bar hal­ten. Ein gene­rel­les Ver­bot der Ein­seh­bar­keit und Recher­chier­bar­keit bzw. ein Gebot der Löschung aller frü­he­ren den Straf­tä­ter iden­ti­fi­zie­ren­den Dar­stel­lun­gen in “Online­ar­chi­ven” wür­de dazu füh­ren, dass Geschich­te getilgt und der Straf­tä­ter voll­stän­dig immu­ni­siert wür­de. Hier­auf hat der Täter aber kei­nen Anspruch. Dies gilt ins­be­son­de­re bei einem schwe­ren Kapi­tal­ver­bre­chen wie im vor­lie­gen­den Fall, das in der Öffent­lich­keit beson­de­re Auf­merk­sam­keit erregt hat.

Wei­ter­hin ist zu beach­ten, dass das vom Klä­ger begehr­te Ver­bot einen abschre­cken­den Effekt auf den Gebrauch der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit hät­te, der den frei­en Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess ein­schnü­ren wür­de. Die Beklag­te könn­te ihren ver­fas­sungs­recht­li­chen Auf­trag, in Wahr­neh­mung der Mei­nungs­frei­heit die Öffent­lich­keit zu infor­mie­ren, nicht voll­um­fäng­lich erfül­len, wenn es ihr gene­rell ver­wehrt wäre, dem inter­es­sier­ten Nut­zer den Zugriff auf frü­he­re Ver­öf­fent­li­chun­gen zu ermög­li­chen. Wür­de auch das wei­te­re Bereit­hal­ten als sol­cher erkenn­ba­rer und im Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung zuläs­si­ger Alt­mel­dun­gen auf für Alt­mel­dun­gen vor­ge­se­he­nen Sei­ten zum Abruf im Inter­net nach Ablauf einer gewis­sen Zeit oder nach Ver­än­de­rung der zugrun­de lie­gen­den Umstän­de ohne wei­te­res unzu­läs­sig und wäre die Beklag­te ver­pflich­tet, sämt­li­che archi­vier­ten Bei­trä­ge von sich aus immer wie­der auf ihre Recht­mä­ßig­keit zu kon­trol­lie­ren, wür­de die Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit in unzu­läs­si­ger Wei­se ein­ge­schränkt. Ange­sichts des mit einer der­ar­ti­gen Kon­trol­le ver­bun­de­nen per­so­nel­len und zeit­li­chen Auf­wands bestün­de die erheb­li­che Gefahr, dass die Beklag­te ent­we­der ganz von einer der Öffent­lich­keit zugäng­li­chen Archi­vie­rung abse­hen oder bereits bei der erst­ma­li­gen Ver­öf­fent­li­chung die Umstän­de aus­klam­mern wür­de, die – wie vor­lie­gend der Name des Straf­tä­ters – das wei­te­re Vor­hal­ten des Bei­trags spä­ter rechts­wid­rig wer­den las­sen könn­ten, an deren Mit­tei­lung die Öffent­lich­keit aber im Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Bericht­erstat­tung ein schüt­zens­wer­tes Inter­es­se hat.

Eine ande­re recht­li­che Beur­tei­lung auch nicht nach den Grund­sät­zen des Daten­schutz­rechts gebo­ten. Dabei kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob der per­sön­li­che und sach­li­che Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrif­ten des Bun­des­da­ten­schutz­ge­set­zes über­haupt eröff­net ist, ins­be­son­de­re ob es sich bei dem bean­stan­de­ten Bereit­hal­ten der den Namen des Klä­gers ent­hal­ten­den Mel­dung zum Abruf im Inter­net um ein “Ver­ar­bei­ten” per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten im Sin­ne des § 3 Abs. 4 Satz 1 BDSG han­delt. Denn das Bereit­hal­ten die­ser Mel­dung unter­fällt jeden­falls dem soge­nann­ten Medi­en­pri­vi­leg des § 57 Abs. 1 Satz 1 des Staats­ver­trags für Rund­funk und Tele­me­di­en (RStV) mit der Fol­ge, dass sei­ne Zuläs­sig­keit weder von einer Ein­wil­li­gung des Betrof­fe­nen noch von einer aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung im Sin­ne des § 4 BDSG abhän­gig ist.

Gemäß § 57 Abs. 1 Satz 1 RStV gel­ten, soweit Unter­neh­men oder Hilfs­un­ter­neh­men der Pres­se als Anbie­ter von Tele­me­di­en per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten aus­schließ­lich zu eige­nen jour­na­lis­tisch-redak­tio­nel­len oder lite­ra­ri­schen Zwe­cken erhe­ben, ver­ar­bei­ten oder nut­zen, nur die §§ 5, 7, 9 und 38a BDSG mit der Maß­ga­be, dass nur für Schä­den gehaf­tet wird, die durch die Ver­let­zung des Daten­ge­heim­nis­ses nach § 5 BDSG oder durch unzu­rei­chen­de tech­ni­sche oder orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men im Sin­ne des § 9 BDSG ein­tre­ten. § 4 BDSG, wonach die Erhe­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten nur zuläs­sig sind, soweit die­ses Gesetz oder eine ande­re Rechts­vor­schrift dies erlaubt oder anord­net oder der Betrof­fe­ne ein­ge­wil­ligt hat, kommt dage­gen nicht zur Anwen­dung. Das in § 57 Abs. 1 Satz 1 RStV ange­ord­ne­te Medi­en­pri­vi­leg ist Aus­fluss der in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG ver­an­ker­ten Medi­en­frei­heit. Ohne die Erhe­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten auch ohne Ein­wil­li­gung der jeweils Betrof­fe­nen wäre jour­na­lis­ti­sche Arbeit nicht mög­lich; die Pres­se könn­te ihre in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG, Art. 10 Abs. 1 Satz 2 EMRK, Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi-schen Uni­on zuer­kann­ten und garan­tier­ten Auf­ga­ben nicht wahr­neh­men.

Die Vor­aus­set­zun­gen einer daten­schutz­recht­li­chen Pri­vi­le­gie­rung gemäß § 57 Abs. 1 Satz 1 RStV sind vor­lie­gend erfüllt. Die Beklag­te als Anbie­te­rin von Tele­me­di­en hat die den Namen des Klä­gers ent­hal­ten­de Mel­dung aus­schließ­lich zu eige­nen jour­na­lis­tisch-redak­tio­nel­len Zwe­cken in ihren Inter­net­auf­tritt ein­ge­stellt und zum Abruf im Inter­net bereit­ge­hal­ten.

Daten wer­den dann zu jour­na­lis­tisch-redak­tio­nel­len Zwe­cken ver­ar-bei­tet, wenn die Ziel­rich­tung in einer Ver­öf­fent­li­chung für einen unbe­stimm­ten Per­so­nen­kreis besteht. Es muss die Absicht einer Bericht­erstat­tung im Sin­ne des Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG – wor­un­ter auch die Mei­nungs­äu­ße­rung fällt – gege­ben sein. Denn nur die Tätig­kei­ten, die der Erfül­lung der Auf­ga­ben einer funk­tio­nal ver­stan­de­nen Pres­se bzw. des Rund­funks die­nen, wer­den vom Medi­en­pri­vi­leg erfasst. Dem­entspre­chend gilt die daten­schutz­recht­li­che Pri­vi­le­gie­rung bei­spiels­wei­se nicht für im Rah­men der Per­so­nal­da­ten­ver­ar­bei­tung anfal­len­de oder im Zusam­men­hang mit dem Gebüh­ren­ein­zug, zur Akqui­si­ti­on von Abon-nen­ten oder zur (kom­mer­zi­el­len) Wei­ter­ga­be an Drit­te gespei­cher­te Daten. Dem­ge­gen­über sind die Recher­che, Redak­ti­on, Ver­öf­fent­li­chung, Doku­men­ta­ti­on und Archi­vie­rung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten zu publi­zis­ti­schen Zwe­cken umfas­send geschützt. Das durch die Pres­se- und Rund­funk­frei­heit ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­ge­be­ne Medi­en­pri­vi­leg schützt ins­be­son­de­re auch die publi­zis­ti­sche Ver­wer­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten im Rah­men einer in den Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 GG, Art. 10 Abs. 1 Satz 2 EMRK fal­len­den Ver­öf­fent­li­chung.

Von einer Ver­ar­bei­tung aus­schließ­lich zu eige­nen Zwe­cken ist dann aus­zu­ge­hen, wenn die Daten eige­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen des betrof­fe­nen Pres­se-unter­neh­mens die­nen.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im Streit­fall erfüllt. Die Beklag­te hat die den Namen des Klä­gers ent­hal­ten­de Mel­dung aus­schließ­lich zu dem Zweck in ihren Inter­net­auf­tritt ein­ge­stellt und zum Abruf bereit­ge­hal­ten, damit sie von der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit zur Kennt­nis genom­men wird. Sie hat damit unmit-tel­bar ihre ver­fas­sungs­recht­li­che Auf­ga­be wahr­ge­nom­men, in Aus­übung der Mei­nungs­frei­heit die Öffent­lich­keit zu infor­mie­ren und an der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung mit­zu­wir­ken. Sowohl das Ein­stel­len der bean­stan­de­ten Inhal­te ins Inter­net als auch ihr (dau­er­haf­tes) Bereit­hal­ten zum Abruf ist Teil des in den Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 GG, Art. 10 Abs. 1 EMRK fal­len­den Publi­ka­ti­ons­vor­gangs. Hier­an ver­mag auch der Umstand nichts zu ändern, dass seit der Ein­stel­lung der Mel­dung ins Inter­net mitt­ler­wei­le meh­re­re Jah­re ver­gan­gen sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Febru­ar 2011 – VI ZR 345/​09

Der Sedlmayr-Mord und der Kölner Stadtanzeiger