Inter­net-Lot­te­rie

Eine natio­na­le Rege­lung, die die För­de­rung von Glücks­spie­len ver­bie­tet, die im Inter­net von pri­va­ten Ver­an­stal­tern aus ande­ren Mit­glied­staa­ten zu Erwerbs­zwe­cken ver­an­stal­tet wer­den, steht nach einem aktu­el­len, zum Recht in Schwe­den ergan­ge­nen Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, im Ein­klang mit dem Gemein­schafts­recht. Das Gemein­schafts­recht steht jedoch einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen, nach der die För­de­rung von Glücks­spie­len, die in Schwe­den ohne Geneh­mi­gung ver­an­stal­tet wer­den, anders geahn­det wird als die För­de­rung von Glücks­spie­len, die außer­halb Schwe­dens ver­an­stal­tet wer­den.

Inter­net-Lot­te­rie

Nach dem schwe­di­schen Glücks­spiel­recht ist die För­de­rung von Glücks­spie­len, die außer­halb Schwe­dens ver­an­stal­tet wer­den, in Schwe­den ver­bo­ten und wird geahn­det. Nach die­sem Recht ist die Ver­an­stal­tung der­ar­ti­ger Spie­le Ver­an­stal­tern vor­be­hal­ten, die gemein­nüt­zi­ge oder im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de Zie­le ver­fol­gen.

Herr Sjö­berg und Herr Ger­din waren Chef­re­dak­teu­re und ver­ant­wort­li­che Her­aus­ge­ber der schwe­di­schen Zei­tun­gen Expres­sen und Afton­bla­det. Zwi­schen Novem­ber 2003 und August 2004 lie­ßen sie im Sport­teil ihrer Zei­tun­gen Wer­be­an­zei­gen für Glücks­spie­le ver­öf­fent­li­chen, die von den in Mal­ta und im Ver­ei­nig­ten König­reich nie­der­ge­las­se­nen Unter­neh­men Expekt, Uni­bet, Lad­bro­kes und Centre­bet auf ihren Inter­net­sei­ten ange­bo­ten wur­den. Für die­se Hand­lun­gen, die nach dem schwe­di­schen Glücks­spiel­recht als Straf­tat ein­ge­stuft wur­den, wur­den sie in ers­ter Instanz zu einer Geld­stra­fe von jeweils 50 000 SEK (etwa 5 200 €) ver­ur­teilt. Das Svea Hovrätt, das für die von Herrn Sjö­berg und Herrn Ger­din ein­ge­leg­te Beru­fung zustän­di­ge höhe­re Gericht in Stock­holm, möch­te nun im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on klä­ren las­sen, ob die ange­wand­ten Rechts­vor­schrif­ten, ins­be­son­de­re soweit sie für die in Schwe­den statt­fin­den­de För­de­rung von im Aus­land ver­an­stal­te­ten Lot­te­rien bestimm­te Stra­fen fest­le­gen, mit dem Gemein­schafts­recht in Ein­klang ste­hen.

In sei­nem Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nun zunächst dar­auf hin, dass das Gemein­schafts­recht die Auf­he­bung jeder Beschrän­kung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs ver­langt – selbst wenn sie unter­schieds­los für inlän­di­sche Dienst­leis­ten­de wie für sol­che aus den ande­ren Mit­glied­staa­ten gilt –, sofern sie geeig­net ist, die Tätig­kei­ten des Dienst­leis­ten­den, der in einem ande­ren Mit­glied­staat ansäs­sig ist, in dem er recht­mä­ßig ähn­li­che Dienst­leis­tun­gen erbringt, zu unter­bin­den, zu behin­dern oder weni­ger attrak­tiv zu machen.

Der Gerichts­hof stellt fest, dass die schwe­di­sche Rege­lung, die bewirkt, dass sowohl die För­de­rung von Glücks­spie­len, die in ande­ren Mit­glied­staa­ten recht­mä­ßig ver­an­stal­tet wer­den, als auch von sol­chen, die in Schwe­den ohne Geneh­mi­gung ver­an­stal­tet wer­den, ver­bo­ten ist, eine Beschrän­kung der Teil­nah­me schwe­di­scher Ver­brau­cher an die­sen Spie­len zur Fol­ge hat. Das Gemein­schafts­recht lässt jedoch Beschrän­kun­gen zu, die aus Grün­den der öffent­li­chen Ord­nung, Sicher­heit oder Gesund­heit gerecht­fer­tigt sind. In Erman­ge­lung einer Har­mo­ni­sie­rung auf Uni­ons­ebe­ne in Bezug auf Glücks­spie­le ist es Sache der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, in die­sem Bereich im Ein­klang mit ihrer eige­nen Wert­ord­nung zu beur­tei­len, wie die betrof­fe­nen Inter­es­sen zu schüt­zen sind. Somit steht es den Mit­glied­staa­ten frei, die Zie­le ihrer Poli­tik auf dem Gebiet der Glücks­spie­le fest­zu­le­gen und gege­be­nen­falls das ange­streb­te Schutz­ni­veau genau zu bestim­men. Die von ihnen vor­ge­schrie­be­nen Beschrän­kun­gen müs­sen jedoch den Anfor­de­run­gen an ihre Ver­hält­nis­mä­ßig­keit genü­gen, die sich aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs erge­ben. Ins­be­son­de­re ist zu prü­fen, ob die schwe­di­sche Rege­lung geeig­net ist, die Ver­wirk­li­chung eines oder meh­re­rer der von die­sem Mit­glied­staat gel­tend gemach­ten legi­ti­men Zie­le zu gewähr­leis­ten, und ob sie nicht über das hin­aus­geht, was zur Errei­chung die­ses Ziels erfor­der­lich ist.

Nach den Anga­ben des vor­le­gen­den Gerichts steht fest, dass der Aus­schluss pri­va­ter Erwerbs­in­ter­es­sen vom Glücks­spiel­sek­tor ein grund­le­gen­des Prin­zip der schwe­di­schen Gesetz­ge­bung auf die­sem Gebiet ist. Die­se Tätig­kei­ten sind in Schwe­den Ein­rich­tun­gen vor­be­hal­ten, die gemein­nüt­zi­ge oder im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de Zie­le ver­fol­gen, und Geneh­mi­gun­gen für die Ver­an­stal­tung von Glücks­spie­len sind aus­schließ­lich öffent­li­chen oder kari­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen erteilt wor­den. Hier­zu stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass kul­tu­rel­le, sitt­li­che oder reli­giö­se Erwä­gun­gen Beschrän­kun­gen der Dienst­leis­tungs­frei­heit von Glücks­spiel­ver­an­stal­tern recht­fer­ti­gen kön­nen, da es ins­be­son­de­re als inak­zep­ta­bel ange­se­hen wer­den könn­te, zuzu­las­sen, dass durch die Aus­nut­zung eines sozia­len Übels oder der Schwä­che und des Unglücks der Spie­ler pri­va­te Gewin­ne erzielt wer­den. Nach der jedem Mit­glied­staat eige­nen Wert­ord­nung und im Hin­blick auf den Ermes­sens­spiel­raum, über den die Mit­glied­staa­ten ver­fü­gen, steht es einem Mit­glied­staat frei, die Ver­an­stal­tung von Glücks­spie­len zu beschrän­ken und sie öffent­li­chen oder kari­ta­ti­ven Ein­rich­tun­gen anzu­ver­trau­en.

Da es sich bei den Ver­an­stal­tern, die die Anzei­gen schal­ten lie­ßen, die zu den in den Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­den Straf­ver­fol­gun­gen geführt haben, um pri­va­te Unter­neh­men han­delt, die Erwerbs­zwe­cke ver­fol­gen und die nach schwe­di­schem Recht nie­mals eine Geneh­mi­gung für die Ver­an­stal­tung von Glücks­spie­len hät­ten erhal­ten kön­nen, gelangt der Gerichts­hof zu dem Ergeb­nis, dass die schwe­di­sche Rege­lung dem Ziel gerecht wird, pri­va­te Erwerbs­in­ter­es­sen vom Glücks­spiel­sek­tor aus­zu­schlie­ßen, und dass sie als zur Errei­chung die­ses Ziels erfor­der­lich ange­se­hen wer­den kann. Das Gemein­schafts­recht steht die­ser Rege­lung daher nicht ent­ge­gen.

Fer­ner stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass das vom Svea hovrätt ange­führ­te schwe­di­sche Gesetz straf­recht­li­che Sank­tio­nen nur für die För­de­rung von Glücks­spie­len vor­sieht, die in ande­ren Mit­glied­staa­ten ver­an­stal­tet wer­den, wäh­rend es auf die För­de­rung von Glücks­spie­len, die in Schwe­den ohne Geneh­mi­gung ver­an­stal­tet wer­den, kei­ne Anwen­dung fin­det und letzt­ge­nann­ter Ver­stoß nur mit einer Geld­bu­ße geahn­det wird. Jedoch besteht zwi­schen der schwe­di­schen Regie­rung einer­seits und Herrn Sjö­berg und Herrn Ger­din ande­rer­seits Unei­nig­keit dar­über, ob ein ande­res schwe­di­sches Gesetz für die För­de­rung von Glücks­spie­len, die in Schwe­den ohne Geneh­mi­gung ver­an­stal­tet wer­den, ent­spre­chen­de Sank­tio­nen vor­sieht wie für die För­de­rung von Glücks­spie­len, die in einem ande­ren Mit­glied­staat ver­an­stal­tet wer­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist in die­sem Zusam­men­hang dar­auf hin, dass die Aus­le­gung der natio­na­len Vor­schrif­ten im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens Sache der Gerich­te der Mit­glied­staa­ten und nicht des Gerichts­hofs ist. Daher hat das vor­le­gen­de Gericht zu prü­fen, ob die bei­den in Rede ste­hen­den Ver­ge­hen, obwohl sie unter ver­schie­de­ne Geset­ze fal­len, den­noch gleich­be­han­delt wer­den. Es wird ins­be­son­de­re prü­fen müs­sen, ob sie von den zustän­di­gen Behör­den in der Pra­xis mit der glei­chen Sorg­falt ver­folgt wer­den und zur Ver­hän­gung ver­gleich­ba­rer Stra­fen durch die zustän­di­gen Gerich­te füh­ren. Daher kann die natio­na­le Rege­lung, wenn bei­de Ver­ge­hen gleich­be­han­delt wer­den, nicht als dis­kri­mi­nie­rend ange­se­hen wer­den. Set­zen sich dage­gen Per­so­nen, die in Schwe­den ohne Geneh­mi­gung ver­an­stal­te­te Glücks­spie­le för­dern, weni­ger stren­gen Sank­tio­nen aus als Per­so­nen, die im Aus­land ver­an­stal­te­te Glücks­spie­le bewer­ben, ent­hält die schwe­di­sche Rege­lung eine Dis­kri­mi­nie­rung die dem Gemein­schafts­recht zuwi­der­läuft.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 8. Juli 2010 – C‑447/​08 und C‑448/​08 [Straf­ver­fah­ren gegen Otto Sjö­berg und Anders Ger­din]

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