Waren­lie­fe­run­gen im euro­päi­schen Ful­fill­ment von Ama­zon

Lie­fert ein Ver­käu­fer Waren über die Inter­net­sei­te der Ama­zon Ser­vices Euro­pe s.a.r.l. (Ama­zon) im Rah­men des Modells „Ver­kauf durch Händ­ler, Ver­sand durch Ama­zon“ (auch „ful­fill­ment by ama­zon“ bzw. „Pan­eu­ro­päi­scher Ver­sand durch Ama­zon“), ist Leis­tungs­emp­fän­ger der Waren­lie­fe­rung des Ver­käu­fers nicht Ama­zon, son­dern der End­kun­de, dem die Ver­fü­gungs­macht am Gegen­stand der Lie­fe­rung ver­schafft wird.

Waren­lie­fe­run­gen im euro­päi­schen Ful­fill­ment von Ama­zon

Die­se Auf­fas­sung stimmt in ihrer zivil­recht­li­chen Beur­tei­lung mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [1] und in ihrer umsatz­steu­er­recht­li­chen Beur­tei­lung mit der Auf­fas­sung in der Lite­ra­tur [2] über­ein. Für die­se Beur­tei­lung spricht außer­dem der mit Wir­kung zum 01.01.2021 ein­ge­füg­te Art. 14a MwSt­Sys­tRL.

Nach Art. 14a Abs. 2 MwSt­Sys­tRL i.d.F. der Richt­li­nie (EU) 2017/​2455 des Rates vom 05.12.2017 zur Ände­rung der Richt­li­nie 2006/​112/​EG und der Richt­li­nie 2009/​132/​EG in Bezug auf bestimm­te mehr­wert­steu­er­li­che Pflich­ten für die Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen und für Fern­ver­käu­fe von Gegen­stän­den [3] wer­den ab 01.01.2021 Steu­er­pflich­ti­ge, die die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung von Gegen­stän­den durch einen nicht in der Gemein­schaft ansäs­si­gen Steu­er­pflich­ti­gen an eine nicht steu­er­pflich­ti­ge Per­son durch die Nut­zung einer elek­tro­ni­schen Schnitt­stel­le, bei­spiels­wei­se eines Markt­plat­zes, einer Platt­form, eines Por­tals oder Ähn­li­chem, unter­stüt­zen, so behan­delt, als ob sie die­se Gegen­stän­de selbst erhal­ten und gelie­fert hät­ten. Zur Begrün­dung der Ein­füh­rung die­ser fik­ti­ven Lie­fer­kom­mis­si­on ist im 7. Erwä­gungs­grund ange­führt, dass ein Groß­teil der Fern­ver­käu­fe von Gegen­stän­den, die sowohl von einem Mit­glied­staat in einen ande­ren als auch aus Dritt­ge­bie­ten oder Dritt­län­dern in die Gemein­schaft erfol­gen, durch die Nut­zung einer elek­tro­ni­schen Schnitt­stel­le, bei­spiels­wei­se eines Markt­plat­zes, einer Platt­form, eines Por­tals oder Ähn­li­chem unter­stützt wird, wobei häu­fig auf Waren­la­ger-Rege­lun­gen zurück­ge­grif­fen wird. Die Mit­glied­staa­ten könn­ten bestim­men, dass eine ande­re Per­son als der Steu­er­schuld­ner der Mehr­wert­steu­er in sol­chen Fäl­len gesamt­schuld­ne­risch für die Zah­lung der Mehr­wert­steu­er haf­ten muss. Dies habe sich jedoch als unzu­rei­chend erwie­sen, um eine wirk­sa­me und effi­zi­en­te Erhe­bung der Mehr­wert­steu­er sicher­zu­stel­len. Zur Errei­chung die­ses Ziels und zur Ver­rin­ge­rung des Ver­wal­tungs­auf­wands für Ver­käu­fer, Steu­er­ver­wal­tun­gen und Erwer­ber sei es daher erfor­der­lich, die Steu­er­pflich­ti­gen, die Fern­ver­käu­fe von Gegen­stän­den durch die Nut­zung einer sol­chen elek­tro­ni­schen Schnitt­stel­le unter­stüt­zen, bei der Erhe­bung der Mehr­wert­steu­er auf die­se Ver­käu­fe ein­zu­be­zie­hen, indem vor­ge­se­hen wird, dass sie als die Per­so­nen gel­ten, die die­se Ver­käu­fe getä­tigt haben.

Dies bestä­tigt, dass auch aus Sicht des Richt­li­ni­en­ge­bers der Markt­platz-Betrei­ber nicht gene­rell die Lie­fe­rung an den End­kun­den aus­führt.

Aus den­sel­ben Grün­den spricht für die­se Beur­tei­lung auch § 25e UStG i.d.F. des Geset­zes zur Ver­mei­dung von Umsatz­steu­er­aus­fäl­len beim Han­del mit Waren im Inter­net und zur Ände­rung wei­te­rer steu­er­li­cher Vor­schrif­ten vom 11.12.2018 [4]. Damit wer­den seit 01.01.2019 zur Ver­mei­dung von Umsatz­steu­er­aus­fäl­len die Betrei­ber eines elek­tro­ni­schen Markt­plat­zes für die nicht ent­rich­te­te Umsatz­steu­er aus der Lie­fe­rung eines Unter­neh­mers, die auf dem von ihm bereit­ge­stell­ten Markt­platz recht­lich begrün­det wor­den ist, unter den in § 25e UStG genann­ten wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen in Haf­tung genom­men [5].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 29. April 2020 – XI B 113/​19

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 26.07.2018 – I ZR 20/​17, Gewerb­li­cher Rechts­schutz und Urhe­ber­recht 2018, 1059, Rz 3, 20; s. dazu auch Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts M. Cam­pos Sán­chez-Bor­do­na vom 28.11.2019 in der Rechts­sa­che – C‑567/​18 Coty Ger­ma­ny GmbH gegen Ama­zon Ser­vices Euro­pe Sàrl, Ama­zon FC Gra­ben GmbH, Ama­zon Euro­pe Core Sàrl, Ama­zon EU Sàrl, EU:C:2019:1031, Rz 56 f., 60 f.[]
  2. z.B. Denker/​Trinks, UStB 2017, 54, 55 f.; Hammerl/​Fietz, NWB 2017, 1753 ff.[]
  3. ABl.EU Nr. L 348 vom 29.12.2017, S. 7; s. dazu z.B. auch Kem­per, Umsatz­steu­er-Rund­schau 2020, 56, 59[]
  4. BGBl I 2018, 2338[]
  5. vgl. BT-Drs.19/4455, S. 27, 61 ff.[]